♂ Im dunklen dunklen Wald (Ruth Ware) [Rezension]

„Ich spürte, wie die frostige Nachtluft mich umhüllte und
mein erhitztes Gesicht, meine schweißnassen Handflächen kühlte. So stand ich
da, lauschte dem Pochen meines eigenen Herzens und versuchte, die Schläge zu
verlangsamen, ruhiger zu werden.“

(S.191)

 

Nora ist Schriftstellerin, ihre Tage gleichen sich. Als sie
eine E-Mail mit einer Einladung zum Junggesellinnenabschied von Clare bekommt,
ist sie mehr als erstaunt. Denn seit nunmehr zehn Jahren hatte sie keinen
Kontakt mehr zu Clare, obwohl sie früher beste Freundinnen waren. Doch nach der
Sache mit James hatte Nora damals als Sechzehnjährige den Entschluss gefasst,
mehr oder weniger von einem auf den anderen Tag die Stadt zu verlassen. Nun
lebt Nora in London.

Wider besseren Wissens entschließt sich Nora, zum
Junggesellinnenabschied zu fahren. Gemeinsam mit ihrer Freundin Nina macht sie
sich auf den Weg. Als sie an dem einsamen Haus mitten im Wald ankommen,
beschleicht sie sofort ein seltsames Gefühl. Doch damit nicht genug. Bald
darauf wacht Nora schwerverletzt im Krankenhaus auf. Und hat einen großen Teil
ihrer Erinnerungen verloren.

 

„Im dunklen dunklen Wald“ ist mir schon ein paarmal im
Internet über den Weg gelaufen. Als ich es dann vor kurzem im Buchlanden in der
Hand hatte, musste ich es einfach mitnehmen. Ich war davon überzeugt, dass die
Geschichte eindeutig etwas für mich sein musste.
Als ich dann in die ersten Seiten hineingelesen hatte, bestätigte
sich mein erster Eindruck dann auch vorerst. Ich traf auf Nora, konnte mich mit
ihrem Leben bekanntmachen. Sehr gut gefiel mir auch Noras Beruf, denn sie ist
Schriftstellerin.
Natürlich fand auch ich es dann seltsam, als Nora eine
Einladung zum Junggesellinnenabschied ihrer ehemals besten Freundin erhielt.
Denn immerhin hatte sie schon seit so langer Zeit keinen Kontakt mehr zu Clare.
Doch sie kann über ihren Schatten springen und sagt der Einladung zu.
Gemeinsam mit ihrer Freundin Nina bricht sie auf und bald
kommen sie auch an diesem einsamen Haus im Wald an, in dem die Party steigen
soll. Die hier geschaffene Atmosphäre traf dann auch wirklich meinen Geschmack.
Das düstere Gefühl, was sich hier beim Lesen einschlich, versprach eine
entsprechende Handlung. Irgendwann musste ich jedoch einsehen, dass die
konstruierte Kulisse allein dann doch nicht ausreicht. Denn bis wirklich einmal
etwas in der Handlung geschah, musste ich schon sehr, sehr lange warten. Auch
wenn immer mal wieder ein kurzer Anflug von Spannung aufflackerte, zog sich die
Geschichte dann doch gefühlt ein wenig. Hatte ich ein durchgängiges
Gänsehautgefühl erwartet, überkam mich dieses lediglich in leichten Ansätzen.
Dennoch wollte ich nicht aufgeben und las weiter; immer in der Hoffnung, dass
der große Knall sicherlich noch kommen würde.
Was ich nicht so ganz erwartet hatte, war die Entwicklung
von Nora. Denn damals, als sie die Stadt verlassen hatte, war sie mit James
zusammen, der per SMS mit ihr Schluss gemacht hatte. Und das konnte Nora
seitdem nicht überwinden. Immer wieder wird ihr James präsent. Und die
Nachricht, die sie von Clare am ersten Abend vor dem Haus erhält, steigert das
Ganze dann noch. Für mich fühlte es sich damit zunehmend eher wie ein Personenkult
an, für meinen Geschmack ein wenig zu übertrieben.
Ruth Ware lässt Nora die Geschichte aus ihrer
Ich-Perspektive erzählen und passt in den Kapiteln die Zeitformen entsprechend
an. Trotz der gewählten Ich-Perspektive konnte ich dennoch leider kaum Zugang
zu Nora finden. Auch die anderen Charaktere blieben dabei aus meiner Sicht ein
bisschen blass.
Und so kam, was kommen musste. Im weiteren Verlauf der
Geschichte ertappte ich mich immer wieder dabei, dass ich Sätze unwillkürlich
überflog, auch wenn ich im Endeffekt natürlich die Hintergründe wissen wollte. Der
Schreibstil von Ruth Ware ist grundsätzlich auch flüssig, ohne Ecken und
Kanten, und dabei gut zu lesen. Wobei die Autorin auch immer wieder
Nebensächlichkeiten in die Handlung einfließen lässt.

Ein kleiner Showdown zum Ende konnte die Geschichte
dann doch noch ein Stück weit rehabilitieren. Die Autorin lässt ihre Idee dann
auch nachvollziehbar und mit einem befriedigenden Ergebnis ausklingen.

 

Im dunklen dunklen Wald“ schafft eine grundsätzlich düstere
Atmosphäre, die mit einigen gezielten Wendungen sicherlich noch mehr vom
vorhandenen Potential entfalten könnte. Insgesamt sind mir meine Lesestunden im
dunklen Wald verdiente 3 Bücher wert.

Für alle, die mit einer düsteren Kulisse umgehen
können, dabei keine Angst bekommen und allen Situationen einen Schuss Skepsis
behalten.

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