♀ Herz aus Glas (Kathrin Lange) [Rezension]

„Mein Nacken begann zu kribbeln, und
bevor ich es richtig realisierte, verspürte ich schon wieder dieses seltsame
Frösteln. Wie ein eisiger Hauch zog es hinter meinem Rücken entlang und
verursachte mir eine Gänsehaut. Schlagartig begann mein Herz, wild zu klopfen.“
(S. 73)
„Ich fühle mich so … zerbrechlich. Als
ich ihn gesehen habe, hat sich mein Herz irgendwie in Glas verwandelt“
(S. 80)
Als Gefallen für ihren Vater soll die
17-jährige Juli(ane) mit zum Herrenhaus seines Verlegers auf Martha’s Vineyard
fahren. Während er sich seiner Arbeit widmet, soll Juli den Sohn des Verlegers,
David Bell, auf andere Gedanken bringen, dessen Verlobte wenige Wochen zuvor
verstarb und der laut seinem Vater selbstmordgefährdet ist.
Doch nicht nur Davids Auftreten und
Verhalten sind seltsam. Juli spürt etwas in diesem alten Herrenhaus, das auch
noch den schaurigen Namen „Sorrow“ trägt. Eine Kälte, die sie sich nicht
erklären kann, der erst das Dienstmädchen Grace einen Namen gibt, indem sie
Juli zur sofortigen Abreise rät, um dem „Fluch von Madeleine“ zu entgehen, dem
Fluch der Insel.

 

Juli vermutet, dass Davids Verhalten
etwas damit zu tun hat und fängt an, Nachforschungen anzustellen. Sie will
herausfinden, wie sie sich David nähern kann, der nach wie vor allen
bedeutenden Fragen ausweicht. Trotz der Ablehnung entwickeln sich in Juli
Gefühle für den in sich gekehrten, tragischen Jungen und sie muss ganz einfach
versuchen, ihm zu helfen.
Noch vor Veröffentlichung des Buches
hatte ich bereits eine Kostprobe daraus erhalten und wurde dadurch so neugierig
gemacht, dass „Herz auf Glas“ nicht lange ungelesen bleiben konnte.
Schon auf der ersten Seite wurde ich mit der Begegnung von Juli und David
konfrontiert, einer Begegnung, die die Protagonistin Juli beinahe umgehauen
hat. Im Gegensatz zum gängigen Klischee waren es aber nicht die atemberaubende
Schönheit von David oder dessen mystische Aura, sondern sein Blick, dessen
darin liegende Qual Juli fesselte.
Erst nach dieser Begegnung und der
Ankunft auf der Insel erfährt der Leser, wie es zu dieser Reise kam, auf die
Juli alles andere als Lust hatte.
Hier lag auch mein größter
Kritikpunkt“, wenn man es denn so nennen kann. Denn mir fiel es sehr schwer zu
akzeptieren, dass man eine Teenagerin, so positive Stimmung sie in der Lage ist
zu verbreiten, damit „beauftragt“, einen selbstmordgefährdeten Jungen zu
unterstützen. Selbst als ich die Gedanken seines Vaters über Männer und
Depressionen kennenlernte, konnte ich mich nicht komplett überzeugen. Also
akzeptierte ich diese Tatsache einfach und konnte mich vollends in die
Geschichte ziehen lassen und die mysteriösen Vorkommnisse und „den Fluch“ auf
mich wirken lassen.
Die Grundidee des Buches ist
sicherlich nicht neu, Flüche und mysteriöse Ereignisse gibt es zahlreich in der
Buchwelt. Kathrin Lange hat jedoch von Beginn an eine realistische und glaubhafte
Welt um ihre Geschichte gewoben. Das geheimnisvolle Setting von Martha‘s Vineyard
abseits der Touristik-Hochsaison allein hatte schon etwas Nebulöses, Gespenstisches.
Durch kleine Szenen, einzelne Atemzüge
ließ sie den mystischen Anteil weiter wachsen, bis der Ballon immer großer
wurde… Alles deutet daraufhin, dass der Fluch real ist – oder die
Protagonistin Juli schlichtweg verrückt wird. Diese Balance, diese unglaublich
real-wirkende Art des Erzählens ist ein Highlight für sich, auch wenn mein Fantasy-Herz
vielleicht etwas mehr erhofft hätte.
Kathrin Langes Schreibstil gefiel mir
bereits in einem ihrer anderen Bücher. Kurz und knapp beschreibt sie die Umgebung
vorstellhaft und lässt dennoch genügend Raum für die eigene Fantasie. Der Fokus
gilt dem emotionalen Chaos, in das Juli sich verstrickt. Aller Widrigkeiten zum
Trotz fühlt sie sich von diesem seltsamen David angezogen, will ihm helfen, so
sehr er sich auch dagegen sträubt. Die Warnungen des Hausmädchens lässt sie
völlig außer Acht. Bis Dinge geschehen, die Juli nicht mehr unter Kontrolle
hat. Was passiert wirklich auf dieser Insel?
Nicht zuletzt der undurchsichtige
Charakter von David trug einen großen Anteil daran. Denn durch seine Art und
die vielen Geschehnisse, über die man auf der Insel nicht spricht, baut die
Autorin eine Spannung auf, die sich immer weiter um den Leser schlingt, ihn
fesselt und die Schlinge stets enger zieht. Gänsehauteffekte heizen dem noch
zusätzlich ein und ich war wahrlich gefangen in dem Buch und konnte es nicht
zur Seite legen.
Interessant fand ich die gewählte
Perspektive. Juli erzählt in Ich-Form in Vergangenheit. „Erzählt“ trifft es
hier mehr als genau. Denn zwischendurch fügt sie Sätze ein wie „Wenn ich heute
darüber nachdenke…“ (S. 144)
. Durch diese Selbstanalyse entsteht ein noch
stärkeres Band zu Juli und ich muss einfach erfahren, wie sie letztendlich zu
dieser Erkenntnis kam. Ich fieberte mit ihr, im steten Wissen, dass sie alles
wohlbehalten überstehen würde, aber konnte mir zu keinem Zeitpunkt sicher sein,
ob auch ihr Herz heil davonkommen würde.
Das Ende stellte mich vorerst zufrieden, jedoch gibt es einen kleinen Ausblick
von Juli, der mich neugierig auf die Fortsetzung zurücklässt.
Einzig und allein die Frage, warum man
ein junges Mädchen mit so einer Aufgabe betraut, war ein kleiner Wermutstropfen
für mich. Nimmt man das aber als gegeben hin, erlebt man eine absolut fesselnde
Geschichte, die einen nicht mehr loslässt. Ich begab mich mit ihr auf
Spurensuche, forschte gemeinsam über Geister und Flüche, sog Hinweise in mich
auf und zitterte um die Charaktere. Völlig harmonisch fügt sich dieser Spannung
eine emotionale Beziehung mit Höhen und Tiefen ein, die so abseits der Norm ein
Highlight für sich ist. Vielschichtige und überraschende Charaktere runden
gemeinsam mit diesem fantastischen Setting die Geschichte ab. Der
Trilogie-Auftakt „Herz aus Glas“ erhält daher ganz ganz knappe 5 Bücher.

 

Wer auf der Suche nach anderen
Geschichten ist, einer mysteriösen Atmosphäre nicht abgeneigt ist, Charaktere
abseits der Norm nicht verabscheut und sich der Realität nicht verschließt,
sollte unbedingt zu diesem Buch greifen, wer jedoch eine Fantasy-Geschichte
erwartet, sollte den Wunsch vielleicht noch einmal überdenken..
1. Herz aus Glas
2. ?
3. ?

20 KOMMENTARE

  1. Huch, es ist schon spät. Aber ich bin gerade mit meiner Rezi fertig und musste gschwind noch deine lesen. Ich war auch ab Beginn gefesselt. Das hat dann das ganze Buch über nicht nachgelassen. Stellenweise fühlte ich mich an "normale" Arena-Thriller erinnert, aber gerade das war für mich ein echt tolles Leseerlebnis. Echt gut! Besonders dein Schlusssatz gefällt mir gut. Noch eine kurze Frage; ist Juli 17? Dachte immer an 16 🙂 Weiß es aber nicht mehr richtig …
    LG,
    Damaris

  2. Durch mein Mail-Abo lese ich ja kaum noch direkt auf Eurem Blog, sondern kriege meine Nachrichten immer "frei Haus". Daher auch meine sehr selten gewordenen Kommentare.
    Mich spricht das Buch sehr an und was ich bisher von Katrin kenne, hat mich auch überzeugt.
    Einzig abschreckend finde ich tatsächlich, dass es der Auftakt zu einer Trilogie ist. Ich habe es inzwischen einfach so satt, jahrelang bis zum Ende der Geschichte zu warten, das Gefühl für ein Buch und seine Protagonisten zwischenzeitlich wieder zu verlieren und mir den Zugang zum nächsten Teil neu schaffen zu müssen. Auch komme ich oft gar nicht dazu, die Fortsetzungen gleich nach Erscheinen zu lesen, weil ja inzwischen so viel Neues erschienen ist. Daher mein vielleicht naiver Vorsatz, Trilogien möglichst erst zu lesen, wenn sie vollständig erschienen sind. Dann passiert es einem auch nicht, dass der Verlag nach Band 2 überlegt, ob es Band 3 überhaupt geben soll, obwohl die Geschichte den Leser in der Luft hängen lässt. (So geschehen bei der Spiegeltrilogie von Alina Bronsky, wobei ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben habe.)
    Schade eigentlich, ich hätte echt Lust auf das Buch gehabt. Ich stehe gerade sehr auf mystische Geschichten.

    Ganz liebe Grüße
    die Tintenelfe

    • Mail-Abo klingt wichtig, das gefällt mir 🙂

      Ich bin, was das Reihen-Thema angeht, zweierlei Meinung. Einerseits würde ich natürlich auch immer sofort und am besten schon gestern weiterlesen… ABER: Ich sehe es bei Reihen, die ich komplett hier habe. Ich will eigentlich gar nicht mehrere Bände am Stück lesen. Es ist dann zuviel Gleiches, ich genieße den Abstand.

      Wie groß der sein sollte, ist natürlich dann die nächste berechtigte Frage. Solange ich noch genügend anderen Lesestoff habe und VOR ALLEM der Rückblick auf das Geschehen in der Fortsetzung dann "gut gemacht" ist, mir die wichtigsten Handlungspunkte wieder gegenwärtig sind, dann kommt auch sofort mein Gefühl für die Geschichte und die Charaktere wieder.
      Natürlich hat eine Fortsetzung, bei der ich mich "reinquälen" muss, beinahe durch die Hälfte des Buches KÄMPFEN muss, ehe ich mich wieder hineingedacht hat, so gut wie verloren 🙁
      Zu einem weiteren Teil würde ich in diesem Fall eher nicht greifen.

      Es ist sehr schwer einzuschätzen, wie es bei Kathrin Lange sein wird… Da diese erste Geschichte aber eigentlich rund ist, man nur am Rande erfährt, dass da "noch mehr ist", kann man es getrost als Einzelbuch lesen 🙂

      Liebe Grüße

      Steffi

  3. Uiiii, das klingt echt ganz nach einem Buch für mich 🙂 Du schaffst es mit deinen tollen Rezis, aber auch IMMER, dass ich die Geschichte lesen will <3

    Viele Küsse, Ally

  4. Hoi Steffi
    Endlich ist meine Rezi zu "Herz aus Glas" auch on …. mit hat das Buch auch sehr gut gefallen …. obwohl Kathrin eigentlich ruhige Töne anschlägt, hat mich die Geschichte vom ersten Satz an (den kennen wir ja schon eine Weile 😉 ) fasziniert und gefesselt.
    Ich habe in meiner Rezension auch diese Rückblick-Sätze erwähnt …. eine wirklich gute Schreibmethode, um neugierig zu machen ….

    lg Favola

    • Ohne diese Rückblick-Sätze hätte ich vermutlich nicht den ganz so starken Drang, weiterlesen zu wollen… Weil so weit war ich mit dem Ende zufrieden 🙂
      Perfektes Stilmittel, auch wenn du weißt, dass die Erzählende überlebt 🙂

      lg
      Steffi

    • Oh ja, da hast du recht …. Band 1 hat ja eigentlich nicht so einen fiesen Cliffhanger sondern könnte ohne diese Sätze ganz gut alleine gelesen werden. Ganz schön geschickt gemacht von Kathrin ….
      Naja, die Erzählende überlebt bei Jugendbüchern ja meistens 😉
      lg Favola

  5. Huhu,
    das Buch kam heute bei mir an, weshalb ich mir jetzt nur dein Urteil durchgelesen habe. Ich glaube, ich hätte es nicht tun sollen o.O Denn jetzt will ich es ganz ganz schnell lesen. Allein das Cover sieht schön aus *-* ABER vorher sind noch andere schöne Bücher dran :/ Ach manno *schmoll*

    Alles alles Liebe, Caterina

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