♀ Das Rosie-Projekt (Graeme Simsion) [Rezension]

„Ich denke, ich habe eine Lösung für
das Ehefrauenproblem gefunden. Wie bei so vielen wissenschaftlichen
Durchbrüchen war diese Lösung im Nachhinein ganz logisch, doch ohne eine Reihe
außerplanmäßiger Ereignisse wäre ich wohl nie darauf gekommen.“
(S. 7)
„Ich bin neununddreißig Jahre alt,
groß, durchtrainiert und intelligent, mit relativ hohem gesellschaftlichem
Status und überdurchschnittlichem Einkommen als Assistenzprofessor. Gemäß den
Gesetzen der Logik sollte ich für eine ganze Reihe von Frauen attraktiv sein.
Im Reich der Tiere würde ich mich erfolgreich vermehren.“
(S. 9)
Don Tillmann ist anders. Er lebt nach
einem strikten Tagesablauf, streicht jeden nicht effektiven oder unproduktiven
Teil des Kalenders und kann sich so komplett auf seine Arbeit als Genetiker
konzentrieren und auch seine Lehrarbeit als Professor zur vollen Zufriedenheit
erledigen. Seiner Zufriedenheit. Denn aus irgendeinem Grund hält ihn die Chefin
für übergenau und daher wurde er schon des Öfteren zu ihr zitiert.
Alles in allem läuft sein Leben
dermaßen gut geplant aber effizient und ressourcenschonend. Wäre da nicht die
lästige Frage der Partnerin. Schließlich heißt es, dass verheiratete Männer
glücklicher wären, was sich im Allgemeinen sehr vorteilhaft auf die
Lebenserwartung und Produktivität auswirkt.
Nur woher nehmen? Nach einigen
Fehlversuchen in Sachen Dating, was vor allem an Dons „Inkompatibilität“ mit
anderen Menschen außer einer befreundeten Familie liegt. Was liegt also näher,
als alles von der wissenschaftlichen Seite zu betrachten und das „Ehefrauen-Projekt“
ins Leben zu rufen. Mittels Fragebogen will Don die ungeeigneten Elemente
ausschließen und eine reale Begegnung nur mit dem Rest zu wagen – nur leider
fällt so ziemlich jede potentielle Partnerin durch das Raster.

 

Als dann aber Rosie durch Zufall in
Dons Leben platzt, hinterlässt sie nachhaltige Spuren, die mit reiner Logik
nicht zu erklären sind.
Es gibt Bücher, die einem zufällig in
die Hände fallen und bei denen man denkt, dass es rational gesehen nicht ins
Beuteschema passt.
So ging es mir mit dem „Rosie-Projekt“.
Als „internationaler Bestseller“ angekündigt, war ich aber dennoch so
neugierig, dass ich anfing zu lesen… und nicht mehr aufhörte.
Das Fazit: Ich war begeistert.
Mehr wäre eigentlich nicht zu sagen, denn
diese drei Worte spiegeln meinen Eindruck klar wieder, sind daher als die
effektivste Möglichkeit zu betrachten, mein Gefallen an dieser Geschichte zu
verdeutlichen.

WAS?!
Tja, genau so sieht Dons Leben aus.
Effektives Zeitmanagment, Pläne, keinerlei Abweichung ohne Zeitausgleich mit
anderen Terminen. Daher betrachtet Don auch die Partnersuche auf herkömmliche
Art als großes Problem. Blind Dates, „zufällige“ Treffen mit Bekannten, alles
Zeitverschwendung, vergleicht man Aufwand und Nutzen, also die potentielle
Möglichkeit, den idealen Partner auf diese Weise zu treffen.
Kurzerhand hat Don die zündende Idee.
Um eine Vorauswahl zu treffen, gibt es von wissenschaftlicher Seite her keine
bessere Variante als einen Fragebogen. Das Projekt Ehefrau steht in den
Startlöchern.
Der etwas andere Protagonist, der
39-jährige Don Tillman, hat sich vom ersten Moment in mein Herz geschlichen.
Durch einen geschickten Umweg konnte mir der Autor vermitteln, woher diese
Andersartigkeit denn stammt. Don selbst, der in Ich-Perspektive/Vergangenheit
erzählt, erkennt dieses „Problem“ nicht, lediglich die durch sorgfältige
Analyse geschlussfolgerte Sicht der anderen auf ihn.
Eben jene analytische Art, man könnte
es auch verquer nennen, macht Don so dermaßen liebenswürdig und gleichzeitig
urkomisch. Er ist laut mehreren Aussagen „sozial inkompetent“, kann
Emotionen und Reaktionen anderer nicht deuten, Sarkasmus nicht verstehen und
zeitverschwendende Dinge des Alltags wie Smalltalk und Belanglosigkeiten nicht mit
seinem Verständnis von Effektivität unter einen Hut bringen. Don ist
strukturiert, effizient und null flexibel.
Wer ihn kennengelernt hat, sich mit
seiner Art zu leben zurechtgefunden hat, ist selbst schockiert über das
Auftreten von Rosie und kann sich vorstellen, wie eine solche Person das Leben
von Don durcheinanderbringt.
Rosie ist ebenfalls alles andere als
normal, geht jedoch in eine völlig unkonventionelle Richtung, hält sich oft nicht
an selbst aufgestellte Regeln und wirft kurzerhand Dons Pläne über den Haufen.
Sie ist nach eigenen Angaben „verkorkst“, was Don als sehr seltsame
Beschreibung einzustufen vermag.
Als Gegenteil der idealen Partnerin
kommt Rosie für das Ehefrauen-Projekt natürlich nicht infrage, für ein
freundschaftliches Verhältnis aber perfekt. Denn schnell stuft Don die Treffen
mit ihr unter den „besten Tagen seines erwachsenen Lebens“ ein.
Jedem normalen Menschen, vermutlich
allen Lesern, ebenso Dons bester (einziger) Freunde Gene und Claudia ist klar,
was mit Don passiert. Nur ihm selbst eben nicht. Und das ist das Geniale an
diesem Buch. Ich durfte hautnah miterleben, wie sich der Protagonist Don
entwickelt, schmunzelte über seine Aussagen, lachte laut auf, als er wieder
neue Theorien und Interpretationen des Beobachteten von sich gab.

 

Der Schreibstil von Herrn Simsion ist
einfach, aber eher als gehoben einzustufen, dem Protagonisten angepasst, der
immerhin Assistenzprofessor ist. Jegliche andere Art des Erzählens würde die Geschichte
unauthentisch machen und ihr Charme ginge komplett verloren. Diesem besonderen
Charme
ist es auch zu verdanken, dass das „Rosie-Projekt“ keinerlei
herkömmlicher Spannung oder schnulziger Parts benötigt, um einen Lesesog zu
entwickeln, dem ich mich nicht entziehen konnte. Ich musste es einfach wissen:
Kann das Projekt zu einem erfolgreichen Abschluss kommen?
„Das Rosie-Projekt“ traf bei mir einen
Nerv. Mag es an der mangelnden Kompetenz oder Erfahrung im Contemporary-Bereich
liegen, aber dieses Buch hat mich von der ersten Seite an begeistert. Der so eigene
Protagonist und seine unfreiwillig komische Art waren ein Highlight für mich und
ich konnte einfach nicht damit aufhören zu verfolgen, wie Rosie Dons Leben
durcheinanderbringt und so dem emotionalen Teil den Weg ebnet. Dafür gibt es
ganz klar 5 Bücher.

 

Wer eine etwas anspruchsvollere Art
von Liebesgeschichte sucht, einen besonderen Protagonisten kennenlernen will,
versuchen möchte, der Liebe auf logische Weise auf die Spur zu kommen,
verfolgen will, ob die Suche nach einer Ehefrau auch auf wissenschaftliche Art
funktioniert, muss zu diesem Buch greifen. Lest in die Leseprobe. Wenn euch das
erste Kapitel überzeugt, gefällt euch sicher auch der Rest.

24 KOMMENTARE

  1. Schön dass es dir so gefallen hat! Ich habe jetzt mal nur das Fazit gelesen, aber das klingt gut. Habe das Buch überraschenderweise vom Verlag bekommen und war mir nicht ganz sicher, was ich davon halten soll, aber jetzt bin ich doch ganz zuversichtlich 🙂 !

    Liebe Grüße, Lisa

  2. Jajajajaaaa, genau so. Eben habe ich meine Rezi fertig 🙂 und wir stimmen hier mal wieder voll überein. Mir geht es so, dass das Buch bei mir jetzt noch sehr nachwirkt. Ich denke so oft an die Geschichte …. Und dieser feine Humor – großartig!
    LG,
    Damaris

    • Ich bin so froh, dass ich es geschickt bekommen habe – selbst hätte ich mich vermutlich nie fürs Lesen entschieden – und hätte etwas geniales verpasst…

      Geh gleich mal deine Rezi lesen <3

    • Hab eben auch deinen Kommentar bei Damaris gelesen.
      Ganz ehrlich: ich lese eigentlich NIE in diesem Genre. Es langweilt mich nach wenigen Seiten, über 'normale' Menschen zu lesen.
      Nicht jedoch Don. Er ist zu speziell und verquer und dadurch der Humor so trocken, weil es ja eigentlich gar kein Witz ist 🙂

      Viel Spaß mit der Leseprobe. Bin gespannt, ob du dich auch von ihm mitreißen lässt 🙂

      Liebe Grüße

      Steffi

  3. Die Struktur in der Rezi ist toll, Steffi! Gefällt mir sehr. Das Buch klingt echt interessant und nach was anderem. Hab ich schon erwähnt, dass ich "anders" mag? 🙂 Die Leseprobe werde ich mir definitiv anschauen.

    Liebe Grüße

    • Ich konnte mir die andere Art zu schreiben nicht verkneifen – fand das einfach so passend und ich hoffe, es macht mal auf andere Weise neugierig – genau wie es das Buch verdient hat 🙂

      Vermutlich mögen manche jüngeren Leser den Stil des Buches nicht (der Prota ist 39, also spricht es diese Leser sowieso eher weniger an), aber ich glaube, dass es dir wirklich gefallen könnte 🙂

      Liebe Grüße

      Steffi

  4. Hey ich bin jetzt schon eine ganze Weile begeisterte Leserin von eurem Blog und wollte nur mal kurz sagen, dass es noch ein anderes Buch über einen ähnlich "speziellen" Mann gibt, der seine Lebens- und Liebesgeschichte aufgeschrieben hat: "Ein Kaktus zum Valentinstag" von Peter Schmidt. Ich war bei einer Lesung von ihm und war absolut begeistert von diser authentischen Liebesgeschichte und ihrem ganz speziellen Humor. Nur falls du Interesse an dem Thema hast 😉
    Liebe Grüße
    Gwen

  5. Jetzt musste ich doch auch mal vorbeischauen und die Rezension lesen.
    Ich bin ja ebenfalls so begeistert von der Geschichte. Don Ist einfach mal genial, der Humor und seine Art mal etwas völlig anderes.
    Ich hatte meine wahre Freude.

    Liebe Grüße
    Vanessa

    • Freut mich, dass du vorbei geschaut hast <3

      Dieses anders sein war einfach fantastisch – einen solchen ungewollt komischen Protagonisten hatte ich noch nie 😀

      liebe Grüße

      Steffi

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