♀ Soul Beach – Frostiges Paradies (Kate Harrison) [Rezension]

„Es ist erst zehn Tage her, seit ich
dort zum ersten Mal am Wasser entlangspaziert bin, und doch weiß ich schon
jetzt nicht mehr, wie ich die Wirklichkeit ohne meinen Zufluchtsort am Soul
Beach ertragen soll, ohne das Wunder, wieder die Stimme meiner Schwester zu
hören.“
(S. 83)
Kurz vor der Beerdigung ihrer
Schwester Meggie erreicht Alice eine E-Mail von Meggies E-Mail-Account.
Zeitpunkt des Sendens: 10:05:12
Das könnte auch ein Datum sein. Der
16. Geburtstag von Alice … oder das Todesdatum von Meggie.
Alice tut es anfangs als „Scherz“
eines von Meggies zahlreichen Fans ab. Doch die Zweifel werden größer. Von
Gefühlen übermannt, schreibt Alice ihrer toten Schwester nach deren Beerdigung
eine E-Mail und spricht alles Ungesagte aus.
Kurze Zeit später erhält sie die
Einladung für das „besondere Social Network“ „Soul Beach“. Google findet nichts
darüber, Alice‘ Freund Robbie und ihre beste Freundin Cara tun es ebenso als
schlechten Witz ab wie Alice selbst…
Bis wenig später eine erneute E-Mail von
Meggie kommt. Die Verwendung von ihrem persönlichen geheimen Spitznamen
überzeugt Alice und sie folgt der Einladung.
Das Rauschen der Brandung, der Geruch
von Meer. Das Gefühl, trotz IKEA-Teppich zu ihren Füßen von Wellen umspielt zu
werden…
Alice befindet sich am Soul Beach und gleichermaßen
in ihrem Zimmer.
Nach kleineren „Startschwierigkeiten“
drehen sich Alice‘ Gedanken mehr und mehr um den virtuellen Strand und ihr
entgleitet die Realität immer weiter.

 

Denn am Soul Beach gibt es jemanden,
der durchaus aus der Oberflächlichkeit der anderen heraussticht: Danny Cross.
Lange, lange habe ich gezögert, „Soul
Beach“ in den Warenkorb gelegt und wieder herausgelöscht. Ich hatte Zweifel,
trotz der vielen positiven Meinungen.
Das Bild, das sich hartnäckig in
meinem Kopf festgesetzt hat, ließ sich nicht mehr verwerfen:
E-Mail von toter Schwester mit einer
dubiosen Einladung? Da klicke ich doch drauf und – zoom – saugt es mich in den
Computer und spuckt mich an einem Strand aus.
Wem es ähnlich geht, wer diese Idee in
Kurzversion ebenso „seltsam“ findet, den kann ich durchaus beruhigen. Der
Einstieg in das Buch ist definitiv anders: Es vergehen mehr Zeit, Zweifel und Trauer
und kostet einiges mehr an Überzeugungskraft, ehe Alice dem ominösen Link
wirklich folgt.
Das „Abtauchen“ in die Welt von
Soulbeach.org ist auch nicht das erwartete Hineingesaugt-Werden, sondern eher
metaphorisch mit „Special Effects“.
Diese neue virtuelle Welt, die Frau
Harrison erschaffen hat, konnte mich fesseln. Trotz des sehr einfachen, beinahe
umgangssprachlichen Schreibstils waren der Strand und die Erlebnisse der
Protagonistin Alice gut vorstellbar.
Die Geschichte wird in Ich-Perspektive aus der Sicht von Alice in
Gegenwartsform erzählt. Dazwischen, um den Ursprung des Ganzen nie in
Vergessenheit geraten zu lassen, fließen kurze Sequenzen des Mörders ein, der
in Vergangenheitsform berichtet. Seine Person wird durch diese Eindrücke immer
durchsichtiger und ermuntert zum fleißigen Rätselraten.
Die Protagonistin Alice ist tief
gezeichnet von ihrem Verlust. Ihre Umgebung verändert sich ohne ihre Schwester,
die Eltern streiten sich, alle haben nur diesen typischen mitleidsbekundenden
Blick für Alice.
Durch die neue Hoffnung am virtuellen Strand entgleitet ihr die Realität immer
weiter. Sie hat Angst, etwas zu verpassen, wenn sie sich ausgeloggt hat. Bis hin
zu dem Wunsch, ebenso tot zu sein wie die anderen Gäste, um sich nicht mehr so ausgeschlossen
zu fühlen.
Auf die weiteren Charaktere möchte ich
nicht näher eingehen… Nicht dass ihr zwischen den Zeilen noch meine Vermutungen
herauslesen könnt…
Die Perspektive des Mörders hat
durchaus noch eine Erwähnung verdient. Er eröffnet dieses Buch und konfrontiert
sofort mit seiner anderen Sicht auf den Tod von Meggie. Schrittweise enthüllen
sich seine Persönlichkeit, sein Irrsinn, seine Wahnvorstellung und seine Manie.
Als Kritik könnte man an dieser Stelle
anbringen, dass der rote Faden, das Lösen des Mordfalles Meggie, manchmal
diffus und fadenscheinig wird … Mich hat diese „Ablenkung“ durch andere
Charaktere und ihnen zu helfen aber nicht minder unterhalten.
Die noch lebenden Charaktere gewinnen
im Laufe der Geschichte immer weiter an Tiefe, hinterlassen ihre Eindrücke –
und eine Spekulation über das Mörder-Potential.
Wahren Tiefgang aber haben die „Gäste“
am Soul Beach. Denn es ist ihre Geschichte, von der das Buch lebt.
Wer Spannung sucht, eine „mörderische“
Jagd nach Indizien, ist bei Soul Beach fehl am Platz. Auch wenn eine gewisse
Grundspannung vorhanden ist, geht das Erforschen des Mordfalles doch etwas
langsam vonstatten. Das ist aber auch keinesfalls notwendig. Ich konnte es auch
so kaum aus der Hand legen.
Nun ist es Zeit für den oberlehrerhaften
Ton: Es gibt genügend Gerüchte rund um die Alkoholliebe der Engländer. Aber
diese auf so viele Arten zu „promoten“, missbillige ich doch ein wenig.
Weißweinschorle mitten am Tag bei einer 16-jährigen? Die dann von ihrem Vater
Brandy „zur Beruhigung“ eingeschenkt bekommt? „die Party war nicht gut, wenn
man sich daran erinnern kann“? Das und noch mehr davon war mir stellenweise
dann doch zu viel.
Gleichzeitig führt einem „Soul Beach“
aber auch ein weiteres Problem vor Augen: Das zweite Leben in der virtuellen
Welt. Wie abhängig man davon werden kann, welche Folgen die Aufgabe des realen
Lebens hat.
Die oft kritisierte „Romanze“ im Buch
empfand ich hingegen als nicht störend. Wer sein Leben in der virtuellen
Realität lebt, kann nicht verurteilt werden, wenn er dort nach Liebe sucht…
Die Idee der Autorin, ein modernes „Fegefeuer“
zu schaffen, in das Tote nach ihrem diesseitigen Leben gehen, gefiel mir sehr
gut. Das dort nur Party gemacht wird, auf ewig schönes Wetter herrscht und alle
(zumindest auf den ersten Schein) glücklich sind, ist wohl die Traumvorstellung
überhaupt.
Dass es keine andere Beschäftigung zu
geben scheint, als Alkohol zu trinken und Sex zu haben (beides ohne jegliche
Nebenwirkung), muss hormonell-bedingten Teenieträumen entsprungen sein. Zum
Glück blieben außer der allgemeinen Beschreibung weitere Details dazu aus.

 

Das Ende von „Soul Beach“ war für mich
befriedigend. Ich kann mir aber durchaus vorstellen, dass es einige stören
wird. Denn es bleiben viele (essentielle) Fragen offen. Doch nicht allein
deshalb werde ich ganz sicher zur Fortsetzung greifen.
„Soul Beach“ war erfrischend anders.
Trotz des geringeren Spannungsniveaus konnte mich Kate Harrison an ihr Buch
fesseln. Wer sich Gedanken um ein Leben nach dem Tod macht, findet hier eine
ganz moderne Version davon – und das ganze inklusive einer kleinen Romanze…
Dafür gibt es von mir sehr gute 4 Bücher.

 

Ein Must-Read für Fans anderer
Geschichten, die kein Problem damit haben, den Haupthandlungsstrang auch mal
kurz beiseite zu legen. Ihr werden euren Spaß haben!
1. Soul Beach – Frostiges Paradies
2. Originaltitel: Soul Fire
(deutscher Titel unbekannt, Erscheinung voraussichtlich März 2014)
3. Originaltitel: Soul Storm
(Erscheinungstermin: August 2013)

 

18 KOMMENTARE

  1. Halli hallo

    Sehr tolle Rezi!!
    Ja, das mit dem Alkohol fand ich auch daneben, ich glaube du bist bis jetzt die Einzige die das erwähnt, was ich sehr gut finde DANKE!!

    Whs. hat mich das Buch ein wenig enttäuscht, weil ich halt diesen Spannungssog erwartet habe!

    Liebe Grüsse Bea

  2. Man hört ja wirklich nur Positives über das Buch, ich hoffe, dass es bald bei mir einziehen kann, denn ich glaube, dass ich begeistert sein werde. *-*
    Tolle Rezension auf jeden Fall! Irgendwie machen deine Rezensionen mir immer Lust darauf, ganz viel zu lesen, egal welches Buch. xD

  3. Hi 🙂

    ich habe deine Rezi nur kurz überflogen, da ich Soul Beach im Moment selber lese, aber ich bin in den meisten Punkten ganz deiner Meinung! Das mit dem Alkohol z.B. ist mir auch schon aufgefallen. Und wenn ich ehrlich bin, finde ich es auch ein wenig übertrieben.

    Ansonsten lese ich das Buch jedoch sehr gerne 🙂

    Lg Rina

  4. Sehr schöne Rezi. Mir hat das Buch unheimlich gut gefallen, nur die von dir angesprochene Liebesgeschichte hat mich doch total gestört. Ich finde, die wäre gar nicht unbedingt nötig gewesen und ich kann mir einfach nicht vorstellen, was die Autorin daraus noch machen will. Allerdings bin ich gespannt, wie sie das ganze lösen wird.

    • Ich glaube, es kommt immer unheimlich auf die Erwartungshaltung an. Gerade, was die Liebesgeschichte anging, hatte ich übelste Befürchtungen, genauso, wie mit dem hineingesaugt-werden.
      Die beiden Sachen waren dann wesentlich angenehmer wie erwartet.

      Wie es weiter geht, bin ich auch sehr gespannt.
      Im Frühjahr wissen wir mehr.

      Wünsch dir ein schönes Wochenende

      Steffi

  5. Ich wollte unbedingt, dass es mir gefällt. Aber es hat mich einfach nicht packen können… Ich denke mein Problem war einfach, dass ich mit der Vorstellung etwas spannendes zu lesen an das Buch gegangen bin. Und von dem Gedanken kam ich nicht weg und war gelangweilt. Schade 🙁

    • Ich bin mit dem ganzen Wissen um zahlreiche Kritikpunkte ans Lesen gegangen.
      Das war vermutlich der Vorteil.
      Schade, dass es deine Erwartungen nicht erfüllen konnte.

      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende

      Steffi

  6. Du hast mich ja schon vor dem posten deiner, wie immer unglaublich tollen, Rezension davon überzeugt, dass ich Soul Beach haben nuss, deshalb habe ich es auch gleich bestellt, als ich noch ein Buch für diesen Monat zur Auswahl hatte 🙂 danke und dickes Kussi <3

  7. Eine wie immer sehr schöne Rezension.
    Das mit dem Alkohol sehe ich genauso wie du, hatte das allerdings ganz vergessen in meiner Rezension zu erwähnen :-).

    Liebe Grüße
    Vanessa

  8. Hallo 🙂
    Die Rezi ist klasse und ich habe das Buch verschlungen. Zwei Tage habe ich gebraucht, wobei ich meist ewig dafür brauche ein Buch zu lesen.
    Vielleicht kann ich es deswegen nicht genau zuordnen. Ich versuche mich mit dem Thema und der Kernaussage auseinander zu setzen.. zu Beginn dachte ich ganz klar an Tod, was mir recht schnell zu offensichtlich falsch oder auch zu oberflächlich angekratzt vorkommt. Dann kam mir die virtuelle Welt in den Kopf.. aber die Kernaussage dazu?? Die Rezi hat ihr übriges getan und ich weiß nicht, wie ich diese beiden Punkte vorstellen soll, da ich dieses Buch gerne vorstellen wollte. Kann es diesbezüglich Hilfe geben?
    LG Alex

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