♂ Der Märchenerzähler (Antonia Michaelis) [Rezension]

„Er hebt sie auf seine Arme wie ein
Kind. Sie ist schwer und leicht zugleich. Sein Herz pocht im Rhythmus der
Angst, als er sie trägt, hinaus in die Nacht. Halt dich doch fest. Hilf mir
doch ein einziges Mal!“
(S. 11)
„Doch sie hörte hinter den Wolken eine
uralte Dunkelheit lauern, die Dunkelheit aller Märchen, die Kehrseite.“
(S. 45)
„Und sie begriff mit einem Mal, dass
all ihre bisherigen Abenteuer nichts gewesen waren als ein Spiel. Dies hier –
was immer es war – war ernst.“
(S. 50)

 

 

Anna findet in ihrer Schule eine alte
Puppe. Wie sich später herausstellt, gehört diese Puppe ihrem geheimnisvollen
Mitschüler Abel Tannatek, der von den meisten nur als polnischer
„Kurzwarenhändler“ bezeichnet wird. Übersetzt heißt das unter Schülern, dass
Abel Drogen und vieles mehr vertickt. Irgendetwas scheint Anna dennoch an Abel
anzuziehen. Bisher hat sie ihn kaum wahrgenommen. Und schließlich ist er doch
der Bad-Boy an der Schule, ein Außenseiter.
An diesem Tag folgt Anna ihm nach dem
Unterricht. Sie sieht, wie Abel seine kleine Schwester Micha von der
Grundschule abholt. Micha und Abel gehen in die Uni-Mensa. Anna folgt ihnen
unauffällig. Es gelingt ihr irgendwie, in der Mensa direkt einen Tisch neben
den Beiden zu bekommen. Und dann hört sie das erste Mal diese Geschichte, das
Märchen von der kleinen Klippenkönigin. Abel erzählt es seiner kleinen
Schwester. Sofort fühlt sich Anna mit den beiden Geschwistern verbunden.
Als Abel eine Klausur schwänzen will,
weil Micha ihren Wohnungsschlüssel vergessen hat, springt Anna ein. Tatsächlich
kommt sie Abel langsam näher. Dann taucht Michas leiblicher Vater auf. Die
Situation scheint verfahren. Zwischen der Geschichte um die Klippenkönigin und
der Realität scheinen die Grenzen zu verschwimmen. Anna findet sich plötzlich
in einem Geflecht aus Hoffnung, Verdächtigungen und Verzweiflung wieder…

 

 

Mit ihrem ausufernden und
überdetaillierten Schreibstil hat es mir Frau Michaelis anfangs wirklich nicht
leicht
gemacht, in diese Geschichte zu finden. Nebensächlichkeiten gerieten
förmlich zu sehr in den Vordergrund und ich fieberte einem Fortgang der
Geschichte selbst entgegen. Dennoch hatte es die Autorin geschafft, dass ich
auf jeden Fall weiterlesen wollte. Die Handlung geriet mir zu Beginn zu sehr in
den Hintergrund. Ich hatte Verständnisfragen und keine passenden Antworten. Die
Begeisterung von Anna für den Kurzwarenhändler Abel war mir erstmal ein wenig
schleierhaft, ich konnte diese im weiteren Verlauf dennoch akzeptieren.
Die Geschichte selbst spielt in
Greifswald, im tiefsten Winter, der sich nun auch schon ewig hinzieht. Ein
personaler Erzähler schilderte mir aus Annas Sicht in Vergangenheitsform seine
Eindrücke. Anfangs empfand ich diesen Plot sehr komplex und ich war teilweise
überfordert aufgrund der extrem tiefgründigen Beschreibungen. Ich bin aber auch
froh, dass ich an der Geschichte dran geblieben bin! Ab ungefähr der Hälfte des
Buches hatte ich mich entweder an die Überdetaillierung gewöhnt oder die
Autorin hatte sich dem dann spannenden Fortgang angepasst. Egal! Ab diesem
Zeitpunkt konnte ich das Buch kaum mehr aus der Hand legen. Jetzt gab es ein turbulentes
Auf und Ab der Gefühle, die Gedanken zu möglichen Entwicklungen schossen hin
und her und der rote Faden war sehr deutlich erkennbar. Ab dem zweiten Teil
fühlte ich mich auch mehr in die Gedankenwelt der Protagonisten eingebunden.
Bis dahin ließen mich die Charaktere meistens außen vor…
Genau, die Protagonisten Annas
Leidenschaft für Abel konnte ich von Beginn an wirklich nicht unbedingt
verstehen. Bisher hatte sie ihn ja nur am Rande wahrgenommen. Was war der
Auslöser für ihr plötzliches Interesse? Die Puppe? Nein, das kann ich mir nicht
vorstellen. Auf einmal bemerkt sie hinter dieser mysteriösen Person tatsächlich
einen Menschen. Und auf einmal interessiert sie sich für das Tun und Handeln von
Abel. Sie akzeptiert seine Besonderheiten und lässt sich auf ihn ein. Ob ihr
das tatsächlich immer gut tut? Nein! Sie wird sogar schwer von ihm enttäuscht
und verliert dadurch fast den Bezug zur Realität. Dieser Auslöser hat auch mich
wirklich mitgenommen. Dennoch befand sich Abel in meiner Sympathiehitliste
nicht unbedingt im oberen Bereich. Kann Anna wieder zu Abel finden, diesem
unnahbaren, nicht durchschaubaren Typen, der alle, die ihm freundlich gesinnt
sind, von sich weist? Lest es selbst und ihr werdet verstehen, was ich meine!
Mein absoluter Liebling in diesem Buch
ist eindeutig Micha, die kleine Schwester von Abel. Ihre kindliche Naivität
ließ oftmals ein Lächeln auf meine Lippen zaubern. So einfach kann die Welt
sein, wenn man noch ein Kind ist…
Insgesamt war Micha der Charakter, der
die Geschichte zwar nicht offensichtlich, aber dennoch vorangetrieben hat, denn
die heimliche Hauptrolle gehört eindeutig ihr. An ihrem Wohlergehen richten
sich sämtliche Handlungen der anderen Protagonisten aus. Sie hat mich mit ihrem
kindlichen Charme ziemlich verzaubern können und sie genießt meine gesamte
Sympathie.
Im Buch gibt es zwei Handlungsstränge,
die auf Anhieb zwar nicht zueinander zugehörig erscheinen, dennoch aber
zielstrebig aufeinander zusteuern. Die Geschichte der Klippenkönigin hat mehr
mit der Realität zu tun, als ich anfangs gedacht hatte. Eine traurige Realität,
melancholisch, hoffnungsvoll und voller Zweifel. Dennoch gehören beide
Gedankengänge unwiderruflich zusammen und gestalten den gesamten Plot mit
weiterem Fortlauf zunehmend spannend.
„Der Märchenerzähler“ beeindruckt
insbesondere durch seine Andersartigkeit. Man erkennt hier nicht auf den ersten
Blick, in welche Richtung die Geschichte steuern wird und welches Ende man
erwarten kann. Im Endeffekt hatte ich viele schöne Lesestunden mit dem Buch und
bin froh, dass ich es gelesen habe. Für alle, die ein äußerst emotionales Ende
nur schwer verkraften können: Haltet Taschentücher bereit!

 

Der Einstieg fiel mir zwar schwer,
überdimensionierte Beschreibungen taten ein Übriges, dennoch fühlte ich mich vom
Fortlauf der Geschichte eingefangen. Für dieses „andere“ Leseerlebnis verbunden
mit vielen Stunden des Hin- und Hergerissen-seins vergebe ich an dieser Stelle
knappe 4 Bücher. Wenn man die Anfangshürden überwunden hat, gibt es kein Halten
mehr…
Für alle Liebhaber detailliert
dargestellter Beschreibungen, die dennoch die nötige Spannung und Emotionalität
für einen ungetrübten Lesegenuss benötigen. Ein Must-Read für alle, die den
Schreibstil der Autorin von Haus aus lieben.

 

31 KOMMENTARE

  1. Ich habe das Buch absolut geliebt und es ist defintiv eines der besten Bücher gewesen, die ich je gelesen habe. 🙂 Irgendwie war es etwas ganz Besonderes für mich.

    Schöne Rezension!!

  2. Hallo Binzi,

    dankeschön 🙂 Die Autorin hat wirklich schockierende Wahrheiten gut in ihrer Geschichte miteinander verknüpft. Bei einigen Offenbarungen muss man schon echt schlucken und wird nachdenklich…

    LG

    Kay

    • Ja, ich hab auch relativ lang dafür gebraucht. Normalerweise hätte ich ein Buch mit der gleichen Seitenanzahl in höchstens 2 Tagen durchgelesen, aber für den Märchenerzähler habe ich glaub ich über eine Woche gebraucht. Einerseits, weil ich es einfach genießen wollte und andererseits auch, weil man wirklich viel drüber nachdenken muss ..

      🙂

  3. Eine tolle Rezension!!! 🙂
    Das Buch gehört mit zu meinen Lieblingsbüchern. Ich finde es einfach wahnsinnig schön und finde es toll, dass es auch dir gefallen hat. 🙂

    Liebe Grüße! 🙂

  4. Ich freue mich, dass es dir auch gefallen hat. Ich fand es von Anfang an super, obwohl ich so ausufernde Beschreibungen eigentlich nicht mag. Aber hier ist irgendwie alles anders!
    Das Ende hat mich richtig umgehauen. Ich war danach total verstört und musste erstmal bei Youtube suchen, was andere dazu sagen.
    Willst du "Solange die Nachtigall singt" auch lesen? Da muss man den Anfang auch durchhalten bis es richtig toll wird!
    LG, Anja

    • Hallo Anja,

      manchmal lohnt sich das Durchhalten wirklich 😉 Vorerst steht die Nachtigall noch nicht auf meiner Liste. Habe noch sooo viele andere Bücher vor mir, auf die ich mich auch richtig freue 🙂

      LG

      Kay

  5. Die ausformulierte Anschaulichkeit deiner persönlichen Einschätzung zu diesem Buch gefällt mir richtig gut. Das stete Abwägen und Beleuchten aus sämtlichen Perspektiven ist dir rundum gelungen, bestens!

    Sonnige Stöbergrüße,
    Kora

  6. Was hab ich gesagt? 😀
    So gings mir auch, zwei völlig unabhängige Handlungsstränge und dann bumm, machts klick und beide finden zueinander. Und dieses Ende… ;__;

  7. Hast du wirklich schön geschrieben, Kay! 🙂
    Und schön, dass es dir dann doch noch gefallen hat^^
    Ich könnte Stundenlang in ihren Büchern blättern, weil ich ihren Stil so doll mag – aber ist ja Geschmackssache! 🙂
    LG Jan

  8. Na, dass hört sich mal wieder richtig gut an. Ich schleiche ja schon eine Weile um dieses Buch herum. Vielleicht werde ich es mir demnächst mal zulegen. Irgendwie habe ich jetzt wirklich Lust bekommen es zu lesen 🙂

    Lg Rina

  9. Ich habe das buch noch nicht gelesen aber immer wieder überlegt es mir zu kaufen. Vielleicht sollte ich mich doch mal rantrauen?!

    wie immer eine tolle Rezension, wo man genauweiß woran man bei dem Buch ist.

    Liebe Grüße
    Vanessa

    • Hallo Vanessa,

      merci 🙂 Die Geschichte ist im weiteren Fortlauf wirklich ergreifend und emotional. Die Grundidee fand ich sehr gut und ich wollte auch immer weiterlesen. "Der Märchenerzähler" könnte dir also schon gefallen. Aber man muss sich drauf einlassen können 😉

      LG

      Kay

  10. Tolle Rezi! Ich möchte das Buch auch noch unbedingt lesen. Es ist schon länger auf meiner Wunschliste. Aber es kommt im Herbst als Taschenbuch heraus und dann werde ich es mir bestimmt kaufen.
    LG Sabrina

  11. Hallo ihr Lieben,
    das Buch wäre mein Weihnachtswunschbuch, einfach weil ich Märchen total liebe und das Buch schon lange auf meiner Wunschliste steht und irgendwie bekomme ich es nicht in die Hände.
    Alles Liebe und euch eine schöne Weihnachtszeit. <3
    Alles Liebe,
    Katja
    MissRose1989@gmx,de

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