♀ Splitterherz (Bettina Belitz) [Rezension]

„Er wusste genau, was er tat. Und doch
wirkte er selbstvergessen. Er tauchte in etwas ein, was ich nicht kannte, was
mir verborgen blieb. Er schottete sich ab. Er war woanders – weit, weit weg.“

 

(S. 218)

 

„Vielleicht würde ich ja aufwachen und
alles wäre nur ein Traum. An diese Hoffnung klammerte ich mich.
Doch ich wusste genau: Mein bisheriges
Leben war ein Traum gewesen.
Das jetzt war die Wirklichkeit.“
(S. 267)
„Ich hasse dich, Colin“, fauchte ich
und wischte meine Tränen weg, damit er sie nicht stehlen konnte. „Ich hasse
dich so sehr.“
(S. 431)

 

 

Elisabeth, kurz Ellie, zieht mit ihren
Eltern in das 400-Seelen-Nest Kaulenfeld. Die Müdigkeit, die sie stets
überfällt, schiebt sie auf das Vermissen des früheren Wohnorts Köln. Für die seltsamen
Träume hat sie jedoch keine Erklärung. Dennoch zieht es sie immer und immer
wieder zu diesem einen Traum mit dem Säugling.
Als sie bei einem Spaziergang von
einem Unwetter überrascht wird, sieht sie ihn wieder: Diesen jungen Mann auf
dem riesigen schwarzen Pferd, den sie am Tag ihrer Ankunft in Kaulenfeld schon
einmal bemerkt hatte – und er rettet sie unter merkwürdigen Umständen.
Als sie stets eine undefinierbare
Angst überkommt, beruhigt sie eine Stimme – worauf Ellie vermutet, verrückt zu
werden. Die Stimme flüstert ihr immer öfter etwas zu: Ellie solle sich
erinnern…
An die ständige Missachtung, mit der
sie von allen anderen Kindern bestraft wurde? Etwa an die Heulsuse, die sie
früher war, weil sie Gefühle anderer auf so besondere Art selbst spüren konnte?
Ellie fasst einen Entschluss: sie will
sich in Kaulenfeld einleben. Die Operation „Landleben“ beginnt – und endet
immer wieder in der Nähe des mysteriösen Colin, ihrem Retter, zu dem sie sich
gleichermaßen hingezogen und abgestoßen fühlt. Stück für Stück kommt sie hinter
sein Geheimnis, das gleichzeitig nicht nur seines ist… und dabei verändert sich
Ellie selbst.

 

 

Vor dieser Rezension hätte ich mich am
liebsten gedrückt. Nicht weil „Splitterherz“ furchtbar schlecht war – nein,
nichts dergleichen… Aber „Splitterherz“ lebt von dieser ganz besonderen
Atmosphäre
, die sich nur sehr schwer beschreiben lässt.
Gerade zu Beginn war diese für mich
etwas seltsam, befremdlich. Die Autorin konfrontierte mich mit einer
schlechtgelaunten, miesepetrigen Protagonistin, die nach dem Umzug von Köln in
dieses kleine Dorf glaubt, „alles“ verloren zu haben. Ein Grund, lieber öfter
mal die Augen zu schließen und zu schlafen. Nach und nach kristallisiert sich
heraus, dass es für die Müdigkeitsanfälle und Schlafattacken einen anderen
Grund gibt. Für diese Erkenntnis benötigt es aber knapp ein Drittel des Buches.
Ab diesem Moment mutiert die anfänglich etwas zäh dahinfließende Geschichte
aber zu einem reißenden Strom. Denn die Offenbarungen, Geheimnisse und Ereignisse
überschlagen sich und meine von Anfang vorhandene Neugier wurde gestillt.
Ellie erzählt in der Ich-Perspektive
Vergangenheit, aber durch gewisse Umstände bekommen wir auch einen tieferen
Einblick in das Innere von Colin.
Bis auf oder gerade wegen ihrer
„Launen“ ist Elisabeth, Ellie, Elisa oder auch Lassie genannt, eine
authentische Protagonistin, mit deren „Normalität“ sich wohl jeder Leser
identifizieren kann. Seite für Seite entfernt sie sich aber von diesem normalen
Mädchen, bekommt Ecken und Kanten… Sei es durch ihre seltsamen Träume, ihre
Gedächtnislücken oder ihre Neigung, überall einzuschlafen. Immer mehr erhärtet
sich der Verdacht, wer für diese besonderen Zustände verantwortlich sein
könnte:
Colin, der mysteriöse und für Ellie
faszinierende und gefährliche junge Mann. Im Gegensatz zu der gängigen
Jugendliteratur wird Colin nicht von aller (weiblichen!) Welt angehimmelt.
Nein! Er wird von manchen sogar als hässlich empfunden… Und mögen tut ihn auch
keiner. Warum das so ist, erfährt Ellie gemeinsam mit dem Leser, als sie hinter
sein Geheimnis kommt.
Colin, der mystische Retter, der
düstere Badboy, der allein in einem Haus mitten im Wald wohnt, von Nachtfalter
bekuschelt wird, eine „Sonnenallergie“ mit seltsamen Auswirkungen hat und eine
sehr innige „Beziehung“ zu seinem schwarzen Monsterpferd hat. Das war mein
erster Eindruck von Colin. Aber hinter ihm steckt so viel mehr. Bei ihm ist das
klassische „dunkle Geheimnis“ ein schwarzes Loch. Dunkler geht es nicht. Ihn
näher kennenzulernen, seine Vergangenheit und seine Pläne zu erkunden, nimmt
sich Ellie zur Aufgabe. Und ich konnte gemeinsam mit ihr hinter die Fassade des
jungen Mannes schauen, fand dort Bitterkeit und Traurigkeit – und wollte nur
noch wissen, warum.
Erwähnenswert und ein ebenso wichtiger
Part der Geschichte ist Tillmann. Er scheint Ellies einziger wahrer Freund. Ein
Mensch, auf den man sich verlassen kann, der nie an Plänen zweifelt. Er ist für
Ellie genauso wichtig wie Ellie für ihn.
Frau Belitz‘ Stil war im ersten Moment
etwas ungewohnt. Sie arbeitet des Öfteren mit Rückblicken, was gemeinsam mit
den (Tag-)Träumen anfangs etwas verwirrend war. Immer wieder blitzte die Frage
auf, was jetzt real war, ob ich was verpasst habe… Bis mich die Geschichte dann
wieder einholte. Ihr Schreibstil ist sehr detailliert. Sie beschreibt sehr
bildhaft und gut vorstellbar. Die von ihr aufgebaute Stimmung ist düster,
beinahe melancholisch. Dunkle Merkmale überwiegen, sie hat viel mit Ängsten und
Phobien gearbeitet, was perfekt zu der von ihr entwickelten Geschichte passt.
Nachdem ich mir die Hintergründe von
Ellies und Colins Verhalten Stück für Stück erkämpfen musste, verrate ich hier
natürlich nichts über die Grundidee der Autorin. Ich verrate nur so viel: Für
mich war sie neu und besonders, so ganz abseits des Urban-Fantasy-Mainstreams.
Frau Belitz hat ihre Gedanken wunderbar mit „Allgemeinwissen“ verknüpft und
sehr gut begründet und zieht so den Leser in ihren Bann.
Die von Anfang an provozierte
Neugierde schlägt nur langsam in echte Spannung um. Diese steigert sich
ebenfalls gemächlich, aber kontinuierlich bis zum Showdown. In diesem ersten
Band der Trilogie werden selbstverständlich nicht alle Fragen komplett
beantwortet, auch das Ende ist nur auf den ersten Blick zufriedenstellend. Umso
neugieriger bin ich auf die Fortsetzungen.

 

 

Die Idee und die Atmosphäre von
„Splitterherz“ sind besonders. Man muss in die von Frau Belitz erschaffene Welt
eintauchen – mit Haut und Haar. Man muss sich Ängsten und Albträumen stellen,
man muss sich auf den speziellen Stil einlassen. Wenn man dies schafft, erlebt
man eine fantastische Geschichte weit abseits des Mainstreams. Spannung,
Fantasie, das Spiel mit Phobien und eine etwas andere Romanze, den Kampf um die
Liebe ohne sich selbst zu zerstören. All das ist „Splitterherz“.
Der etwas zähe Einstieg und das
äußerst verwirrende erste Drittel störten anfangs meinen Lesespaß immens. Daher
reicht es nicht ganz für die Höchstwertung. Ich honoriere Frau Belitz‘
Trilogieauftakt daher mit guten 4 Büchern.
Es ist ein Must-Read für Fans anderer
Geschichten, die einer düsteren Stimmung nicht abgeneigt sind und auch ein paar
Umwege in Kauf nehmen, um Antworten zu bekommen.

 

1.
Splitterherz
2.
Scherbenmond
3.
Dornenkuss

 

26 KOMMENTARE

  1. Das scheint ein Buch zu sein, mit dem der Leser (ver-) wachsen kann, wenn er bereit ist, sich auf die Undurchdringlichkeit einzulassen. Klingt für mich, als würde dieses Leseerlebnis einem definitiv im Gedächtnis bleiben.
    Ich finde, du hast das "Nichtgreifbare" dann doch sehr schön in Worte packen können.

    Sonnige Stöbergrüße,
    Kora

  2. Ich weiß ganeu was du meinst, ich scheue mich auch immer davor, Bücher zu rezensieren, die von ihrer besonderen Atmosphäre leben 😉 Hast du aber – wie immer – ganz toll hinbekommen 😉 Mich hat das Buch persönlich nie so richtig gereizt, und das tut es auch nach deiner schönen Rezi noch nicht 😀 Man kann nicht alles lesen 😉

    lg 🙂

    • Es ist speziell, das auf jeden Fall… Aber es ist mal ein "Typ mit einem außergewöhnlichen Geheimnis"… Allein das fasziniert!

      Aber du hast recht: man kann nicht alles lesen 🙂

  3. Also ich liebe ihre Bücher 🙂
    Hab sie vor meiner Bloggerzeit gelesen und sie gehören für mich unumstritten zu den besten Büchern, die ich bisher gelesen habe 🙂
    Deine Rezension gefällt mir wirklich gut, da du genau bemerkst, wie anders und faszinierend die Geschichte ist, wenn man sich drauf einlässt. Leider kann ich mich nicht mehr an den "holprigen" Anfang erinnern! 😛

    LG
    Jana

    • Ich habe mir vor lauter Wahrheit/Traum/… wirklich schwer getan. Aber das ist vermutlich Geschmackssache oder kommt stark auf das "Buch davor" an 🙂

      Aber es war trotzdem RICHTIG gut! 🙂

  4. Argh. Ich schleiche schon die ganze Zeit um dieses Buch rum, und nach dieser Rezension habe ich noch mehr Lust darauf… (Solange ich den Anfang überlebe. Habe ich bei Seelen auch nicht geschafft und wohl einiges verpasst…) Ja, ich glaub ich geb dem Buch mal eine Chance. ^.^

    • Ich hab Seelen auch pausiert… Das würde ich heute vermutlich mit keinem Buch mehr machen, weil ich durch das Bloggen eindeutig mehr lese und weiß, dass Durchhalten oftmals belohnt wird.

      Vielleicht liest du einfach mal in die Leseprobe, vielleicht bist du ja sofort gebannt?

      lg
      Steffi

  5. Letzte Woche noch hatte ich das Buch in der Hand und wusste nicht, ob ichs kaufen soll, ich wollte einfach nur das Cover haben… jetzt bin ich mir immer noch nicht sicher, aber ich werd mir wohl auch mal die Leseprobe angucken.

    LG
    Yvonne

  6. Deine Rezension ist wundevoll und ich kann genau verstehen wie du dich fühlst, ich konnte es nicht.
    Meine Rezension war … keine richtige Rezension ich kam nicht aus dem Schwärmen raus. Ich wusste nicht wie ich es beschreiben sollte.
    Die Folgebänder sind im übrigen noch besser.
    🙂

  7. tolle Rezi liebe Steffi, und ich weiß genau, was du meinst und wie du dich beim Schreiben (und Lesen) gefühlt hast. Bei mir ist es schon so lange her, dass ich die Trilogie gelesen habe, dennoch ist sie mir immer noch tief im Gedächtnis.

    Du wirst auch Teil 2 und 3 sehr gerne mögen, denn auch hier erwartet dich noch die eine oder andere Überraschung. Einziger Kritikpunkt von mir bei allen 3 Büchern ist, dass die sich zum Teil wirklich sehr ziehen, besonders Band 3. Da hätte man vieles weglassen bzw. verkürzen können.

    Küsschen, Ally <3

    • Danke <3
      Also es ist schon düster, und bedrückend, geht eher auf die Psyche. Außerdem ist der Stil nicht ganz einfach. Aber ich habe schon (für mich) schlimmere Bücher gelesen, die ab 12 oder 14 waren.

      lg
      Steffi

  8. Von mir hat "Splitterherz" damals leider "nur" 3 Punkte bekommen, da mich die vielen Träumereien der Hauptperson ziemlich genervt haben. Klar, es klärt sich auf, warum das so ist, aber da sie ja oft am Ende eines Kapitels eingeschlafen ist, war es für mich nicht so richtig fesselnd. Teil 2 fand ich allerdings super! Und Teil 3 war für mich zu lang.

    Schöne Rezi!

    • Es ist schon sehr speziell… Und du hast trotz "nur" 3 weitergelesen? Nicht schlecht. Band 2 und 3 sind auf dem Weg zu mir.

      Kann deine Kritik aber durchaus nachvollziehen – war schon sehr sehr seltsam 🙂

    • Ja, ich "musste" sozusagen weiterlesen, da ich mir aus Versehen Teil 2 zuerst gekauft hatte. War dann aber froh, dass ich weitergelesen hab 🙂
      Außerdem bin ich ein typischer Cover-Käufer, ich musste die Bücher schon allein wegen dem tollen Äußeren haben. 😉

  9. Mir gefällt deine Rezi sehr gut 🙂 Ich habe Splitterherz grade gelesen und rezensiert und habe mich auch etwas schwergetan mit meiner Erklärung… Ich finde, dass du das doch sehr schön in Worte fassen konntest 🙂 Jetzt weiß ich, was mir gefehlt hat 😀 Aber das Buch hat mir leider trotzdem überhaupt nicht gefallen… Ich fürchte, damit steh ich ungefähr alleine da, aber was solls.
    http://lisaundlaurahoch2.blogspot.de/2014/05/rezension-splitterherz-von-bettina.html

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