♀ Das Haus am Abgrund (Susanne Gerdom) [Rezension]

„Lassen Sie sich nicht täuschen oder in die Irre führen. Es sind Kräfte am Werk, die Böses im Schilde führen. Vertrauen Sie niemandem, gerade dann nicht, wenn er Sie anlächelt und freundlich zu Ihnen ist. Uralte Bosheit spinnt ihre Fäden, und Sie […] und Ihre Familie haben das Netz der Spinne schon zum Erzittern gebracht.“
(S. 80)
 
„Ich habe von dem Haus geträumt. Ich bin durch seine finsteren Gänge gewandert und habe nach jemandem gesucht. Nach November. Sie ist in großer Gefahr, und ich bin der Einzige, der sie retten kann. Aus den Wänden des Hauses sickerte Schwärze, wie Teer, wie flüssige Schatten. Bosheit. Uralte, giftige Bösartigkeit.“
(S. 113)

 

Adrian ist fast 17, als sein Vater, dessen Lebensgefährte und er in das alte Cottage in St. Irias ziehen, um Adrians „letzte Tage“ ruhig angehen zu lassen. Adrian ist totkrank. Er hat einen inoperablen Tumor im Gehirn. Diese „Kalte Stelle“ ist vermutlich die Ursache für seine zahlreichen Halluzinationen.
Im Garten des Cottage trifft er das erste Mal auf das wunderhübsche Mädchen, November. Sie scheint direkt aus dem verlassenen Herrenhaus nebenan zu kommen. War auch sie eine Halluzination?
Denn kurz darauf trifft er dasselbe Mädchen erneut. November meidet wie alle Dorfbewohner „das Haus“ und wohnt in Wahrheit nicht dort sondern über dem Museum.
Adrian jedoch wird von dem Haus wie magisch angezogen. Als er die Ruine betritt, glänzt es plötzlich in alter Pracht, das Mädchen schreitet die Treppe hinab – und erzählt ihm ihre traurige Geschichte.

Schon das Äußere des Buches hat eine unheimliche Atmosphäre, der Innenklappentext klingt noch düsterer und gibt einen guten Vorgeschmack auf das Wesen der Geschichte.

Der Einstieg in diesen Jugendthriller fiel mir etwas schwer. Der Protagonist Adrian gibt einen kurzen Rückblick über sein Leben, indem er sein Tagebuch – wie vom Arzt empfohlen – beginnt und ich wurde beinahe erdrückt von zahlreichen unsichtbaren Charakteren und Persönlichkeiten, die ihn umgeben. Leider sind ihm nicht alle davon gut gesinnt. Adrian nennt die Schutzgeister, die „Guten“, Laren, den „Bösen“, wie seine persönliche Nemesis, der Joker, Lemur.

Adrian ist stark, hat er doch stets mit Seitenblicken aufgrund seiner Väter und seinem „Verrücktsein“ zu kämpfen. Er hält sich an seine unsichtbaren Freunde und flieht so oftmals aus dem tristen Alleinsein der Realität. Zu November hat er von Anfang an eine Verbindung, deren Tragweite ihm noch nicht im Ansatz bewusst ist.
So entwickelt sich ein zartes romantisches Band, das immer wieder droht, zu zerreißen. Adrian ist bereit zu kämpfen: gegen den Joker, Ungerechtigkeiten, für November und nicht zuletzt um sein Leben.

Der Schreibstil der Autorin ist flüssig und locker, passt sich dem jugendlichen Alter der Protagonisten an. Zeitweise jedoch ist die Sprache für die Zielgruppe vielleicht „gewöhnungsbedüftig“. So bezieht diese die Lar/Lemur-Geschichte vermutlich lediglich auf die Affenarten und lassen die römischen Mythologie außen vor, was für das Verständnis des Ganzen nicht unbedingt förderlich ist.

Eine weitere Herausforderung stellen die zahlreichen unterschiedlichen Perspektiven dar: Novembers und Adrians Tagebuch in typischer Ich-Pespektive/Präsens, Adrians allgemeine Perspektive in Ich-Form/Vergangenheit bis hin zur Gegenwartsform.
Die Zeitform ändert sich ebenso in Novembers personaler Erzählperspektive.

Den Grund für diese Vielzahl an Perspektiven/Ebenen erschließt sich erst im Laufe der Geschichte und bildet einen meisterlichen Rahmen um die Idee von Frau Gerdom, die zu verraten leider ein übler Spoiler wäre.

„Das Haus am Abgrund“ übte von Beginn an eine verwirrende Faszination auf mich aus und ich konnte Adrians Realität irgendwann nicht mehr von Halluzination und Erinnerung unterscheiden. Ich wollte nur wissen: wissen, was passiert ist, wissen, wie es weitergeht und wissen, wie es endet. So zwang mich Frau Gerdom zu einem beinahe pausenlosen Weiterlesen und führte mich oftmals auf genreübliche falsche Fährten, ehe sie mich am Ende dann aufatmend zurückließ.

Susanne Gerdoms „Das Haus am Abgrund“ ist eine Geschichte, der man zeitweise nur schwer folgen kann. Dies ist vermutlich dem komplizierten, aber durchaus spannungsförderndem Aufbau zuzuschreiben, der bei mir immer wieder für ein Aha-Erlebnis sorgte, nachdem ich blindlings falschen Fährten gefolgt war. So hat „Das Haus am Abgrund“ alles, was ich von einem Thriller erwarte. Meinen spannungsgeladenen Lesegenuss belohne mit knappen 4 Büchern.

Ich empfehle diesen Fantasy-Thriller mit Gänsehaut-Effekt eher „größeren“ Lesern, die sich gruseln, wundern und der Realität entfliehen wollen und nicht davor scheuen, einem komplizierten und im Nachhinein fantastischen Aufbau zu folgen.

 

17 KOMMENTARE

  1. Der Inhalt klingt irgendwie total mystisch!….und November ist ja ein schöner Name….klingt so eisig wie Winter, aber ich schweife schon wieder ab 😀
    Schade, dass die Geschichte manchmal schwer zu folgen war 🙁
    Schöne Rezi! 🙂
    LG Jan

  2. Das Wort Thriller schreckt mich persönlich eigentlich erstmal ab 😀 Aber das Wort mystisch zieht mich an wie das Licht die Motten 😀 Ich bin unentschlossen, ob es was für mich sein könnte…Aber wie immer schöne Rezension!

    Grüüüße <3

  3. Also das hört sich ja echt spannend an.
    Aber auch so geheimnisvoll ~
    Wieso müsst ihr eure Rezensionen immer so machen, dass ich das Buch auch haben will? :'D
    Eure Rezensionen tuen meinem Geldbeutel echt nicht gut 😛
    Mal schauen wann und ob sich die Gelegenheit ergibt es zu kaufen 🙂

    LG Toubi

  4. Ui, das Buch klingt wirklich klasse. Irgendwie finde ich sowas manachmal ganz gut, wenn es ein wenig verwirrend ist. Aber auch nur wenn es am Ende alles schlüssig wird.
    Das Buch wandert erst mal auf die Wunschliste.
    Danke für die tolle Rezension.

    Liebe Grüße
    Vanessa

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