♀ Pandemonium (Lauren Oliver) [Rezension]

„Lena“, wiederholt sie. […] „Willkommen in der Wildnis.“
(S. 20)
 
„Es gibt kein Vorher. Es gibt nur das Jetzt und was danach kommt.“
(S. 26)
 
„Ich habe mal etwas über eine Pilzart gelesen, die in Bäumen wächst. Der Pilz dringt in die Gefäße ein, die Wasser und Nährstoffe von den Wurzeln in die Zweige transportieren. Er vernichtet sie nach und nach – er verdrängt sie. Bald transportiert der Pilz – und nur der Pilz – das Wasser, die chemischen Elemente und alles, was der Baum sonst noch zum Überleben braucht. Gleichzeitig zerstört er den Baum langsam von innen, bringt ihn nach und nach zum Absterben.
 
So funktioniert Hass. Er nährt dich und bringt dich gleichzeitig zum Absterben.“
(S. 160)

 

Damals: Lena hat die Flucht knapp überlebt. Sie wird von Raven, einer Widerständlerin, halbtot in der Wildnis aufgelesen und versorgt. Lena bleibt bei ihr und der Gruppe auf dem Stützpunkt.
Heute: Lena lebt in New York. Sie hat von der Widerstandsbewegung einen besonderen Auftrag erhalten. Sie beobachtet die Aktivitäten der VDFA, der Vereinigung für ein Deliria-freies Amerika.
Dort trifft sie auf Julian, den Sohn des obersten VDFA-Chefs, dessen OP aufgrund Komplikationen schon sehr oft verschoben wurde.
Bei einer großen Kundgebung/Demonstration der VDFA wenige Tage später soll Lena Julian im Auge behalten und ihm in jedem Fall folgen. Als eine Gruppe „Schmarotzer“, wilde Ungeheilte, die Versammlung mit Waffen stürmt, bricht Chaos aus. Julian wird von seinen Bodyguards weggebracht und Lena folgt ihnen. Doch im Untergrund von New York befinden sich mehr als nur leere U-Bahn-Schächte.
Die Mission trägt ungeahnte Konsequenzen mit sich: für die Widerstandsbewegung, für die VDFA und nicht zuletzt für Lena…

 

„Pandemonium“ beginnt mit einem erstmal verwirrenden Kapitel „Jetzt“. Lena schläft in der Schule ein und muss zur Schulleitung.
Erst das darauffolgende Kapitel „Damals“ setzt am Ende von „Delirium“ an und zeigt Lenas Kampf ums Überleben und die schier endlose Trauer um Alex.
Wobei wir bei der Besonderheit dieses Buches und dem größten Unterschied zu Band 1 wären: Die Kapitel „Damals“ und „Jetzt“ wechseln sich ab. Man spürt sofort, wie sehr sich Lena von damals bis heute entwickelt hat und man möchte wissen, wie es dazu kam. Häppchenweise serviert die Autorin in den Jetzt-Kapiteln Details, die Hand in Hand mit den ausgestalteten Situationen des „Damals“ gehen und sich perfekt zu einem Gesamtbild über Lenas Entwicklung zusammenfügen.
Ich wollte die „Damals“-Kapitel am Anfang am liebsten überblättern. Wegen Lena. Denn sie war depressiv, traurig, jammrig, wollte aufgeben und hat alles nur schwarz gesehen. Sie wurde zwar in die Gemeinschaft integriert, bereut dies aber teilweise und wünscht sich zurück in die sichere Stadt. Doch mit der Zeit verändert sich ihr Bild von der „Wildnis“ und deren Bewohnern. Sie findet Freunde und wird Teil der Widerstandsbewegung, für die sie den Auftrag, die VDFA zu beobachten, durchführt. Die neue Lena mit ihrer neuen Identität ist stärker, selbstbewusster, kämpferischer als die frühere Lena und dadurch gefielen mir diese Kapitel gleich von Beginn an viel besser. Sie trauert immer noch um Alex, versucht diese Gefühle aber so gut es geht zu verdrängen. Doch die „Deliria“ lässt sich nicht ganz verbannen und so kommt es, wie es kommen musste: Je mehr Zeit sie mit Julian verbringt, desto stärker wird die Verbindung zu ihm… doch können zwei, die auf nicht unterschiedlicheren Seiten stehen, einander näherkommen?
Denn Julian Fineman ist der Sohn des VDFA-Vorsitzenden und verkörpert alle Ideale des Verbandes. Er ist das Aushängeschild und ein Muster an Sittsamkeit und Würde. Doch diese Fassade bröckelt bereits, als Lena ihn das erste Mal „privat“ trifft. Zur Zweisamkeit verdonnert, fasst Julian Vertrauen zu Lena, die seines Wissens nach bereits „geheilt“ ist und er öffnet sich ihr. Der Schock ist groß, als er dann von Lenas wahrer Identität und Vergangenheit erfährt. Aber auch er lernt, dass „Invalide“ nicht gleich „Invalide“ ist.
Der Schreibstil der Autorin ist einfach und flüssig, für mich aber mit zu vielen blühenden Vergleichen ausgestattet. Insbesondere die düsteren Episoden aus Lenas Leben, in denen sie stetig im Nebel und der Dunkelheit versinkt. Doch dies ist vermutlich Geschmackssache.
Lena erzählt die Geschichte komplett in Ich-Perspektive im Präsens, auch die „Damals“-Kapitel.
Die Unterteilung des Plots in zwei Handlungsstränge waren für mich sehr gelungen und haben definitiv zur Spannungssteigerung beigetragen, denn die „Jetzt“-Kapitel enden oft mit Cliffhangern, die die Zeit bis zum nächsten Kapitel kaum ertragbar machten.
Der mieseste Cliffhanger überhaupt befindet sich aber wieder einmal am Ende des Buches. Auf der vorletzten Seite war ich noch zufrieden und beruhigt und freute mich auf einen harmonischen Abschluss und dann DAS!

 

„Pandemonium“ stellt meiner Meinung nach seinen Vorgänger in den Schatten, der für mich zum großen Teil als Einführung in diese Welt fungierte. Triefte „Delirium“ noch vor kitschiger Teenagerliebe, sind die „verbotenen“ Gefühle in „Pandemonium“ erwachsener und nachvollziehbarer. Gepaart mit einem außergewöhnlichen Aufbau und einem spannenden Plot, beschleunigt durch unvorhergesehene Wendungen und Verstrickungen hatte ich ein wirklich überdurchschnittliches Leseerlebnis. Geschmälert wurde dieser lediglich durch die für meinen Geschmack zu ausgestaltete Darstellung und den etwas trägen Einstieg. In Summe ergibt das sehr gute 4 Bücher für diesen zweiten Teil der Amor-Trilogie.
Es ist ein Must-Read für Fans spannender Dystopien, unerwarteter Wendungen, einer starken Charakter-Entwicklung und natürlich alle, die wissen wollen, wie es mit Lena weiter geht.

 

1. Delirium (Rezension)
2. Pandemonium
3. Requiem
(englischer Erscheinungstermin 05.03.2013)

11 KOMMENTARE

  1. Eine schöne Rezension! Ich lese das Buch auch gerade (70 Seiten fehlen noch), aber ich muss sagen, ich finde es etwas zäh. Mir fehlt irgendwie der Kampf gegen das Regime. Vielleicht kommt das ja noch in den letzten Seiten … dann geh ich mal schnell fertig lesen 😉

    LG
    Monika

  2. Danke für die schöne Rezension! Aber jetzt bin ich ein bisschen verwirrt, da Dreiecksbeziehungen so gar nicht mein Ding sind. Aber ansonsten hört es sich echt gut an!
    Liebe Grüße
    cityrella

  3. Supi Rezension! Unterscheidet sich der Schreibstil denn sehr von Band 1? Ich hab den Stil in Teil 1 sehr gemocht! Der war so "sinnlich"?? haha 😀
    Aber wenn dir Teil 2 schon besser als Teil 1 gefallen hat, dann werd ich Teil 2 bestimmt lieben!!!! 😀
    Ganz schön viele "Teils", oder!? 😀
    Lg Jan

    • Der Stil selbst (leider) nicht, sondern der Aufbau.
      Also keine Sorge, ist nach wir vor 'sinnlich', auch wenn sich dies nicht mehr nur auf die seeeehr extremen Gefühle für Alex bezieht 🙂

      Ich bin einfach kein Freund dieser langen bildhaften Vergleiche… 😉

      Lg
      Steffi

  4. Oh,auch ein mieser Cliffhänger?
    Ich habe gestern Band 1 beendet und den Cliffhänger fand ich sehr gemein.
    Ich glaube ich werde warten bis der dritte Band erschienen ist.

    LG May

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